Knocking on wood –
Wie historische Figuren wieder laufen lernen

von | Jan 11, 2023 | Blick ins Depot

In einem Lübecker Altstadtatelier wird einem einfachen Hanswurst an diesem Vormittag im Winter ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit zuteil. Da kratzt ihm jemand sachte, aber bestimmt, am Hinterkopf, dort wird gegen grelles Neonlicht festgestellt, wie dünn und durchgewetzt der Stoff seiner Jacke doch ist.

Er selbst sitzt, vornübergebeugt, auf nacktem Lindenholz neben seinem einstigen Bühnenkollegen Dr. Faust, in ähnlich wartender Position. Die beiden Marionetten aus dem Bestand der Figurentheaterfamilie Winter haben ihre glanzvollen Momente hinter sich. Der Lack ist ab, könnte man meinen angesichts der Furchen, die in der mehrfach übermalten Fassung ihrer Hände zu sehen sind. Die Spuren jahrzehntelangen Spiels sollen sichtbar bleiben, wenn diese Figuren einmal im Museum KOLK 17 ihre Geschichte erzählen. Figuren, die ein bewegtes Leben auf einer barocken Wanderbühne bis hin zu Fernsehaufführungen in den 1960er Jahren geführt haben, darf man das ruhig ansehen. Doch soll sich der Zahn der Zeit nicht weiter in ihr Holz und in ihre Kleider fressen.

Herausforderung: Augenaufschlag

Mit diesem Auftrag und dank einer Förderung durch die Mariane Dräger-Stiftung rücken den beiden prominenten Figuren gleich zwei Restauratorinnen zu Leibe. Zum Fachgebiet von Stephanie Schipper zählen Holzarbeiten, während sich Eva Kümmel um Textilien kümmert. Um die Figuren auf ihrem Tisch besser kennenzulernen, findet im Atelier ein Treffen mit Sonja Riehn, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei KOLK 17, und Theaterdirektor Stephan Schlafke statt. Eben diese interdisziplinären Zugänge zu den Sammlungsobjekten machen die Arbeit am Figurentheater & Museum aus und werden von allen Beteiligten als Bereicherung empfunden.

Stephanie Schipper hat zum ersten Mal eine historische Marionette auf dem Tisch: „Umso mehr freue ich mich darüber, mehr über ihre Geschichte und darüber, wie sie animiert wurde, zu erfahren.“

Sie sieht ihre Vermutung, dass die Hanswurst-Figur deutlich älter ist als Dr. Faust, schnell bestätigt. Der Spaßmacher, Teil nahezu jedes Stückes der Familie Winter, stammt wohl aus den 1880er Jahren. Der Restauratorin fallen insbesondere die Holzsplinte in den vielen Gelenken auf, die bei Dr. Faust bereits mit Aluminium zusammengehalten werden. Die Pupillen sind vermutlich mit Schellack aufgemalt, während Dr. Faust einen aus gläsernen Puppenaugen anschaut. Die Schnitzereien sind gekonnt gesetzt und modelliert. Rost und Schmutz hatten dem Kasper allerdings eine seiner herausragenden Eigenschaften genommen: Ein Mechanismus im Inneren des Kopfes ermöglichte es, mit Augen und Mund zu klappern, wenn man an den entsprechenden Schnüren zieht, die aus dem Kopf nach oben laufen.

Der Zahn der Zeit hat ganze Arbeit geleistet. Die Figur wurde häufig repariert und ausgebessert. Nach der Restaurierung ist ihr das hohe Alter weiterhin anzusehen. Schäden und Korrosion wurden jedoch beseitigt, die Patina gefestigt. © KOLK 17 Figurentheater & Museum

Eine sorgfältige Reinigung später schlägt der Diener-Clown wieder die Augen auf. „Genau das haben wir uns erhofft“, freut sich Sonja Riehn, die um den Wert der Figuren für die Sammlung KOLK 17 weiß: „Das Marionettenspiel der Familie Winter, das lange Zeit auch mit Schleswig-Holstein verbunden war, fand nach knapp 230 Jahren ein Ende. Die Übernahme des gesamten Nachlasses durch Fritz Fey jun. war 1982 die Initialzündung zur Gründung des Museums für Puppentheater, später Theaterfigurenmuseums in Lübeck.“

Von Holz bis Haar

Die Patina gefestigt, von Korrosion und Schäden im Holz befreit soll Hanswurst im neuen Museum wieder eine Bühne finden. Doch auch seine Haarpracht hat die Zeit ausgedünnt, die braunen Strumpfhosen haben insbesondere an den Füßen mehr Stopfnähte als Stoff. Die Schuhe sind vollkommen durchgelaufen und kaum zu retten. Immerhin wirkt der gut unterfütterte Oberkörper weitgehend unversehrt. „Da sieht man gleich, dass der Hanswurst ganz gern Bratwurst isst“, bemerkt Stephan Schlafke, dem auch die Unterschiede zum modernen Figurentheater auffallen. „Früher hat man kleine Menschen gebaut. Heute gehen wir ganz anders mit dem Material um. Figuren werden vor allem mit Aussage gebaut.“ Auch Echthaar für die Ausstattung der Puppen zu nutzen, wie damals üblich, käme heute wohl niemandem mehr in den Sinn.

Zahlreiche Flicken, Rostflecken, durchgewetzter Stoff – auch Eva Kümmel bekommt einiges zu tun. © KOLK 17 Figurentheater & Museum

An dieser Stelle übernimmt Eva Kümmel die Restaurierung. Sie wird die Kleidung mit Sauger und Pinzette von Schmutz befreien, Hemden, Hosen und Jacken wieder in Form bringen. Viele Kleidungsstücke würden einen Waschgang nicht überstehen, deshalb wird es das Dampfbügeleisen richten müssen. Eine neue Filzkappe und der Austausch der Haarpracht sollen den alten Hanswurst wieder zurückholen.

Der Fernseh-Faust

Eine ähnliche Prozedur wird auch Dr. Faust über sich ergehen lassen müssen. Die deutlich magerere, aber größere Marionette wurde zuletzt wahrscheinlich in den 1960er Jahren stark überarbeitet. In dieser Zeit erhielt die Familie Winter den Auftrag, ihre Faustgeschichte im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm des SFB zu präsentieren.

„Zu dieser Zeit bekam auch die Faustfigur einen Klappmund und die Glasaugen eingesetzt,“ vermutet Stephan Schlafke. Viele Besonderheiten des Figurenspiels auf der Bühne verloren in der Fernsehfassung an Bedeutung. Wenn Hanswurst in seiner schelmischen Übermacht die Teufel im treibenden „Perlicke! – Perlacke! – Perlicke! – Perlacke!“ immer wieder erscheinen und verschwinden ließ, bis er letztlich genug von dem Spiel hat, dann traten dem Puppenspieler wohl auch die Schweißperlen auf die Stirn. Das Fernsehpublikum ließ sich hingegen mit Schnitten vom Auf- und Abtauchen der Geister überzeugen. „Das hat mit Theater natürlich nichts zu tun“, weiß auch der moderne Puppenspieler Stephan Schlafke, der Inszenierungen gern mit digitalen Zutaten würzt, sich aber die Animation seiner Figuren niemals aus den Händen nehmen lassen würde.

Welche Geschichten aus ihrer wechselvollen Karriere uns Dr. Faust und Hanswurst in Zukunft erzählen werden, daran arbeiten die interdisziplinären Teams bei KOLK 17 inzwischen weiter. Bis zum nächsten Akt auf dem Weg zur neuen Ausstellung, sitzen die beiden Marionetten im Scheinwerferlicht des Altstadtateliers und warten geduldig auf ihren Auftritt.  

Hanswurst und Faustwerden 2024 wieder eine Bühne bekommen und Teil der ersten Ausstellung im neuen Kolk sein. © KOLK 17 Figurentheater & Museum

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