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Objekt der Woche: Edle Einfalt, stille Größe? Nicht bei uns!

von | Sep 21, 2020 | Blick ins Depot, Wissen

Unser Kasper zeigt die Zähne – ein breites Grinsen teilt sein Gesicht, das mit knallroten dicken Bäckchen und hochgezogenen Augenbrauen der Inbegriff des verschmitzten Humors ist. Ein wunderbar geschnitzter Kopf, ausdrucksstark und durch die Schnitzspuren an der Oberfläche wie lebendig. Die blitzenden Zähne gehören beim Kasperkopf dazu. Warum eigentlich? 
Bei aller Schnitzkunst – ein Porträtkopf, „wie er sich gehört“, ist das nicht. Wenn wir einen Blick in die Geschichte der Porträtbüsten wagen – vom alten Rom bis jedenfalls in 18 Jahrhundert – dann finden wir keine einzige Figur, die uns die Zähne zeigen würde. Das gehörte sich nicht, egal ob es sich um Porträts bekannter Menschen handelte oder um ausgedachte Personen. Allerhöchstens die Andeutung eines Lächelns in den Mundwinkeln erlaubten sich die KünstlerInnen durch alle Jahrhunderte. Früher nannte man es „decorum“ („was sich gehört“), und das bedeutete auf jeden Fall „Mund zu!“. Im 18. Jahrhundert brachte Johann Joachim Winckelmann es dann auf den Punkt: „Edle Einfalt und stille Größe“ zeichnet die große Seele aus…und das geht nur ohne Zähne zeigen.  

Aber der Kasper ist doch keine antike edle Seele?! Nein, eben nicht. Figurentheater kommt aus einer gänzlich anderen Tradition – unser Kasperkopf ist verwandt mit dem Karneval, sein Spielfeld ist der Jahrmarkt, und hier gelten ganz andere Gesetze. Die Übertreibung, das Groteske, auch das Hässliche und Laute haben hier ihren Ort. Und so finden wir Figuren, die grinsen oder die Zähne fletschen auf Gemälden von niederländischen Malern, die Sprichwörter, Volksvergnügen oder auch Höllengestalten zeigen. Und auch unsere Kasperfigur hat Abgründe; denn die Zähne zu zeigen kann ja ebenso gut ein Nebeneffekt des herzhaften Lachens wie auch eine Drohgebärde sein. 

In der europäischen Kunstgeschichte gibt es die Zähne-zeigenden Figuren nur auf Bildern, nicht als Skulpturen…da bleibt das Figurentheater einzigartig. Aber weiten wir doch unseren Blick einmal für die ganze Welt: Beim Blick in unsere Sammlung stellen wir fest, dass Zähne bei unseren indischen, indonesischen oder auch bei einigen Figuren z.B. aus Nigeria eine große Rolle spielen. Was bedeuten sie? Ist es auch ein Lachen, oder können Zähne auch Machtattribute sein? Sieht man an ihnen, ob eine Figur gut oder böse, freundlich oder feindlich ist? Ist es wichtig, aus welchem Material die Zähne sind? 

Das alles bleibt noch herauszufinden.  

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