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Forschen im Museum

von | Nov 27, 2020 | Blick ins Depot, Wissen

Den „Blick ins Depot“ richten wir diesmal auf die vielfältige wissenschaftliche Arbeit mit der Sammlung.  

Der KOLK 17 Figurentheater & Museum Lübeck, dessen Museum lange Zeit als privates Sammlermuseum geführt wurde, in dem kaum geforscht wurde, versteht sich heute als ein ‚forschendes Museum‘. Forschend insofern, als dass die wissenschaftlichen Museumsmitarbeiter:innen selbst sammlungsbezogene Forschung betreiben und ihre Forschungsergebnisse z.B. auf Tagungen, in wissenschaftlichen Publikationen und in Form von Ausstellungen präsentieren.  

Gemeint ist damit auch eine kontinuierliche Ausrichtung an aktuellen Forschungstheorien und -debatten aus den Bereichen Figurentheater, Theater, den Darstellenden Künsten sowie der Museumsforschung, die in verschiedene Arbeitsbereiche des Museums einfließen, wie bspw. in das Sammlungsmanagement oder das Ausstellen und Kuratieren. 

Und nicht zuletzt möchte der KOLK 17 Figurentheater & Museum seine Sammlung, inklusive Archiv und Fachbibliothek, für forschende Nutzer:innen weltweit verfügbar machen und somit zu einem transkulturellen, interdisziplinären Wissensaustausch über Figurentheater beitragen. 

Wer spricht? Collage aus der virtuellen Ausstellung „Kolonialismus und Figurentheater: Die Fäden entwirren“ © Anna Pfau TFM Lübeck 2020 

Objektbiografien erforschen 

Im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit im Museum steht die wissenschaftliche Sammlungserschließung. Diese beinhaltet zunächst einmal eine Grunderfassung, (zum Blogbeitrag über Inventarisierung) sprich: das Inventarisieren der Sammlungsobjekte und Katalogisieren von wichtigen Grunddaten. Darauf aufbauend erfolgt eine weitere wissenschaftliche Bearbeitung, in der die Objekte selbst sowie deren Geschichte genauer erforscht werden. Hierfür werden die im Museumsarchiv verwahrten Quellen recherchiert, zusammengetragen, analysiert und letztlich dokumentiert.  

Diese oftmals mühsame Recherche- und Dokumentationsarbeit ist die zentrale Voraussetzung für jede weitere Arbeit mit der Sammlung. Neben eigenen archivalischen Ressourcen sind auch das Hausarchiv des Museums sowie externe Archive wichtige Informationsquellen. Ein Teilbereich dieser essentiellen Grundlagenarbeit ist die Provenienzforschung, die Erforschung und Dokumentation einer möglichst lückenlosen „Objektbiografie“, beginnend bei Entstehung des Objekts und endend in der Gegenwart.  

Seit 2018 werden alle recherchierten Informationen in einer digitalen Datenbank, die sich seitdem im kontinuierlichen Aufbau befindet, dokumentiert.

Momentaufnahme aus „Eine Spinne wird nicht wütend, eine begehbare Rauminstallation zur Welt der Künstlerin Louise Bourgeois“ von Grit Dora von Zeschau GENERATOR in der Studiobühne des tjg Dresden Januar 2020 © SR 2020

‚Theatrale Dinge‘ erforschen 

Figurentheater stellt wie alle anderen performativen Künste und immateriellen Kulturgüter diejenigen, die es ‚bewahren‘ und erforschen möchten, vor einige Herausforderungen. Die Sammlungsstücke, wie mobile Bühnen, Bühnenbilder und Requisiten, Figuren/Puppen, Text- und Regiebücher, Szenenfotos oder Plakate, Programm- und Theaterzettel, sind immer nur „Indizien von szenischen Praktiken“ (Primavesi 2020: 102), es sind „Spuren der Aufführung“ (Fischer-Lichte 2014: 17). Wie können diese Spuren nun gelesen, erforscht und dokumentiert werden? Führen sie uns zu dem einstigen theatralen Ereignis zurück?  

Seit Anfang 2020 arbeitet eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe intensiv an einer Systematik, die die aus ca. 20.000 heterogenen Artefakten bestehende Sammlung durch eine pragmatische Verwaltung mit ‚kontrollierten‘ Terminologien zugänglich machen soll. Mit dem Ziel eine digitale Forschungsinfrastruktur zu schaffen, die (zumindest teilweise) auch als Online-Sammlung für externe internationale Nutzer:innen verfügbar sein soll.  

In diesem Zusammenhang stellt sich die große Frage, wie Terminologien für die ‚theatralen Dinge‘, die einst unter dem vereinheitlichenden Begriff ‚Figurentheater’ gesammelt wurden, weiterentwickelt werden können; stets unter Berücksichtigung der performativen und kulturellen Kontexte. Denn nur so können die vielstimmigen und mehrschichtigen Wissensräume, die die Objekte umgeben, bestehen bleiben.

Wegweiser zu einer Ausstellung im Lübecker Museumshafen © SR 2020

Denken im Raum 

Zur wissenschaftlichen Arbeit mit der Sammlung zählt auch das Kuratieren von Ausstellungen. Hierfür werden spezifische Perspektiven auf ein bestimmtes (meist sammlungsbezogenes) Thema oder eine konkrete Fragestellung erarbeitet.  

„Ausstellungen sollten letztlich nicht einzelne Objekte ausstellen, sondern Verhältnisse, Relationen, Spannungsfelder“ (Tyradellis 2014: 205). Das Herausarbeiten dieser Spannungsfelder sowie eine vielstimmige Befragung der Objekte, aber auch das Filtern von Inhalten und das Stiften aussagekräftiger (neuer) Zusammenhänge ist Aufgabe der Kurator:innen. Das können Wissenschaftler:innen des Museums, aber Gastkurator:innen aus den verschiedensten Disziplinen sein.  

Ausstellungen sind nicht nur Momentaufnahmen der andauernden forschenden Auseinandersetzung mit der Sammlung, sie sind immer auch ein kreativer Prozess, ein „Denken im Raum“ (Tyradellis 2014: 145), bei dem die Museumsbesucher:innen aktiv miteingebunden werden.  

Das unterscheidet das Forschen im Museum nach wie vor von anderen forschenden Institutionen. Ausstellungen sind das Alleinstellungsmerkmal von Museen, ein besonderer Ort des Austauschs und der Kommunikation von wissenschaftlichen, aber auch künstlerischen Erkenntnissen an ein größeres Publikum (vgl. Hoins & von Mallinckrodt 2014).

Archivschublade im Museumsdepot © SR 2020

Sortieren, Dokumentieren und Enträtseln  

Die Grundlage für die vielfältigen Aufgabenbereiche ist eine gut erschlossene Sammlung. Diese wird durch die eingangs erwähnte Recherche- und Dokumentationsarbeit der wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen geschaffen. Sorgfalt, Geduld, aber vor allem Neugier sind die wichtigsten Bausteine der wissenschaftlichen Arbeit im Museum. Denn „erst die Neugier [der Wissenschaftler:innen, ihre Fragen und Zweifel], setzen die angesammelten Dinge unter Spannung, erst sie spüren jene Zusammenhänge auf, entdecken jene Geschichten, stiften jenen Sinn, den viele [Besucher:innen] im Museum suchen. […] Das Museum will nicht allein staunen, es will auch wissen […]“ (Rauterberg 2010).

Literatur: 

Erika Fischer-Lichte, „Aufführung“ in Erika Fischer-Lichte; Doris Kolesch; Matthias Warstat (Hg): Metzler Lexikon Theatertheorie (Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler, 2005), S. 16-26.  

Katharina Hoins, Felicitas von Mallinckrodt: [Tagungsbericht zu:] Die Zukunft der Forschung in Museen (Hannover, 11. – 12.06.2014). In: ArtHist.net, 25.06.2014. Letzter Zugriff 26.11.2020. .<https://arthist.net/reviews/8074>. 

Patrick Primavesi, Theaterwissenschaftliche Forschung und die Methoden des Archivs, in: Christopher Balme, Berenike Szymanski-Düll (Hrsg.), Methoden der Theaterwissenschaft. Tübingen 2020. 

Hanno Rauterberg: Sammeln, sortieren, enträtseln. 1. Juli 2010 Quelle: DIE ZEIT, 01.07.2010 Nr. 27. 

Daniel Tyradellis: Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern können, Hamburg 2014. 

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