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Was hat der Christopher Street Day mit der Inszenierung Im Weißen Rössl zu tun?

von | Jun 28, 2021 | Blick ins Depot

Wilhelm Giesecke und Prof. Dr. Hinzelmann in feschen Lederhosen ©KOLK17 Figurentheater& Museum

In einer Bar namens „Stonewall Inn“ im Stadtteil Greenwich Village in New York wehrten sich am 28.06.1969 homosexuelle und transsexuelle Menschen gegen die immer wieder gewalttätigen Razzien der New Yorker Polizei. Es entbrannte ein viertägiger, radikaler Aufstand. Queere Menschen wehrten sich gegen die staatliche Unterdrückung mit Gegengewalt. Es war ein Zeichen, dass sie die Diskriminierungen durch Staat und Gesellschaft wegen ihrer sexuellen Orientierungen nicht mehr länger hinnehmen wollten.

Ein Jahr nach diesem Aufstand wurde in New York das Christopher Street Liberation Day Committee gegründet und seitdem wird in New York jeweils am letzten Samstag im Juni mit einem Straßenumzug an den Aufstand erinnert. Aus diesem Straßenumzug ist innerhalb von 50 Jahren eine internationale Tradition geworden. In vielen Ländern der Welt finden Paraden von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen statt. Voller Stolz zeigen und feiern sie ihr „Anders-Sein“, weswegen die Feierlichkeiten im englischsprachigen Raum Gay Pride oder Pride Paraden also Stolz Paraden genannt werden.

In Lübeck wird der diesjährige Christopher Street Day oder Lübeck Pride für den 20. August 2021 geplant. Der Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, Herr Jan Lindenau, ist seit 2018 Schirmherr des Christopher Street Days Lübeck. So setzt er sich für Respekt, Toleranz und für ein friedvolles Miteinander aller Menschen der Stadt unabhängig ihrer Herkunft, Überzeugung oder sexuellen Orientierung ein. Dass dies immer noch ein hart umkämpftes Terrain ist, zeigt die aktuelle Debatte im Rahmen der Fußball Europa Meisterschaft um die Beleuchtung des Münchner Stadions in Regenbogenfarben.

Der in Lübeck lebende Historiker Christian Rathmer beschäftigte sich intensiv mit den Schicksalen homosexueller Menschen in der NS-Zeit und leistete damit einen wichtigen Beitrag, die Erinnerung an sie zu bewahren. Dem NDR gegenüber erklärte er: “ Ich wollte nicht zulassen, dass diese Männer vergessen werden. Ich will ihre Lebensgeschichten erzählen, so dass sie von den Nazis nicht ganz ausgelöscht wurden. Es waren nämlich wirklich tolle Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden, nur aufgrund ihrer sexuellen Identität. Diese Menschen hatten keine kriminellen Dinge getan, aber wurden von den Nazis bitter bestraft. Ich denke, wir sind es den Menschen heute zumindest schuldig, dass man sie von dieser Schuld befreit, die sie damals vom Staat auferlegt bekommen haben.“

Im Rahmen der Erinnerungskultur setzt sich auch das Figurentheater Lübeck mit den Geschichten während der NS-Zeit verfolgter Menschen historisch und sachlich auseinander. (Zum Interview mit dem Historiker Herrn Christian Rathmer). Die Gastspiel-Aufführung des Seifenblasen Figurentheaters Meersbusch von „Hannes und Paul“ erzählt z.B. die tragisch endende Liebesgeschichte zweier deutschen Jungen in den 40er Jahren. Aber auch eine Eigenproduktion von KOBALT Figurentheater Lübeck verbindet sich mit dem Thema verfolgter Homosexualität – wenn auch vielleicht erst auf den zweiten Blick: die Operette „Im Weißen Rössl“.

Geschrieben wurde die Berliner Posse von dem jüdischen Autor Oskar Blumenthal und dem Österreicher Gustav Kadelburg. Die Uraufführung des Stücks „Im Weißen Rössl“ war Silvester 1897.

1930 wurde das Stück „Im Weißen Rössl“ als Revueoperette mit drei Akten im Großen Schauspielhaus in Berlin aufgeführt. Die Lieder wurden von Ralph Benatzky komponiert. Regie und Choregraphie führte Erik Charell. Das Bühnenbild gestaltete Ernst Stern. Textdichter waren die Autoren Hans Müller-Einigen und Robert Gilbert. 700 Mitwirkende auf und hinter der Bühne sorgten für den überwältigenden Erfolg dieses Stückes, das allein in Berlin 416 Mal aufgeführt wurde. Das Große Schauspielhaus mit über 3.000 Plätzen war stets ausverkauft. Das Publikum war begeistert von der üppigen und farbenfrohen Ausstattung, der gelungenen Mischung österreichischer Schrammelmusik und modernen amerikanischen Rhythmen und es hatte seinen Spaß an pikanten sowie erotischen Anspielungen. Das „Weiße Rössl“ wurde zum erfolgreichsten Stück des homosexuellen, jüdischen Regisseurs Erik Charell.

Dies änderte sich schlagartig drei Jahre später: die Nationalsozialisten zerstörten jede kulturelle Vielfalt. Viele Theaterstücke galten plötzlich als entartet und auch das charmante Lustspiel „Im Weißen Rössl“ wurde nicht mehr gespielt. 1933 floh Erik Charell erst nach Paris und anschließend nach New York, wie auch viele andere am Stück beteiligte Künstlerinnen und Künstler.

Wenn am Christopher Street Day die LGBTQ-Community mit Regenbogenfahnen und Paraden ihr „Anders-Sein“ stolz feiern kann, Städte wie München zum Fußballspiel am Rathaus die Regebogenflagge hissen und Stadien in Deutschland bunt ausgeleuchtet werden, ist das jedoch ein gutes Zeichen, dass wir als Gesellschaft offener geworden sind.

Szene aus der Inszenierung Im weißen Rössl ©KOLK17 Figurentheater & Museum

Auch die liebenswerte Posse „Im Weißen Rössl“ wird mit subversivem Unterton wieder aufgeführt: Das KOBALT Figurentheater Lübeck inszenierte 2009 das Stück „Im Weißen Rössl“ der „Fassung der Bar Jeder Vernunft“ mit zehn live singenden Marionetten, einem Kuhstall, Blitz und Donner. (Hier zum Youtube Video der Inszenierung Im weißen Rössl) Und wir freuen uns bereits, wenn es bei uns bald wieder heißt: „Es muss was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden…“

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