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von | 6 Jul 2021 | Prozess, Who's Talking?

Neonlicht aus, Scheinwerfer an! – Das Depot als Aufführungs- und Drehort

Das Sammlungsdepot von KOLK 17 liegt gut versteckt am südöstlichen Stadtrand von Lübeck. Hier wird die Sammlung von KOLK 17 aufbewahrt. Seit über zwei Jahren ist dies mein zentraler Arbeitsplatz, an dem ich recherchiere, dokumentiere und forsche. Und das immer ganz nah dran an den Sammlungsobjekten. (Beitragsbild: Çağlar Yiğitoğulları und Antonia Napp bauen das Setting auf © KOLK 17 2021)

Sonja Riehn

Den Figuren und anderen Objekten in der Sammlung KOLK 17 vor Ort begegnen zu können und mit ihnen zu arbeiten, das ermöglichten wir auch den Projektteilnehmer:innen des Ausstellungs- und Forschungsprojekts „Who’s Talking?“. Wir luden sechs internationale Künstler:innen ein, sich mit der Sammlung KOLK 17 auseinander zu setzen. 

Çağlar Yiğitoğulları, Momo Ekissi, Irina Demina und Jessica Nupen konnten wir live vor Ort empfangen. Sie kannten die Sammlungsobjekte vorher nur von Fotos und Beschreibungen, nun hatten sie die Chance sie hautnah zu erleben. Die Eindrücke und Ergebnisse ihrer Auseinandersetzungen mit der Sammlung werden ab Ende Juli in der virtuellen Ausstellung „Who’s Talking? Sechs künstlerische Perspektiven auf die Sammlung KOLK 17“ zu sehen sein. 

Figuren werden zu Akteur:innen

Çağlar Yiğitoğulları Rasmus Rienecker
Çağlar Yiğitoğulları und Rasmus Rienecker beim Dreh von Detailaufnahmen © KOLK 17 2021

Der in Hamburg lebende Schauspieler und Performer Çağlar Yiğitoğulları  war der Erste aus dem Projekt, der uns besuchte. Er wusste sofort, wie das Setting für seine Performance aussehen sollte. Ihm war es wichtig, die Figuren der Sammlung (aus aller Welt) als ein Gegenüber zu arrangieren. Für uns bedeutete das, so viele Figuren wie möglich auszupacken und aufzubauen. 

Dort, wo wir normalerweise Figuren auspacken und auf Tischen für eine Sichtung arrangieren, wurden diesmal die Tische nur für einen kurzen Zwischenstopp genutzt, um die Figuren dann für das jeweilige Setting aufzubauen. Die Figuren lagen diesmal nicht auf Tischen bereit – als Objekte zum Betrachten und darüber sprechen –, sondern wurden selbst zu Akteur:innen. 

Am Tag des Filmdrehs traute ich mich beinah nicht, das Depot zu betreten. Es war stockdunkel, als ich eintrat. Langsam und leise tastete ich mich nach vorne in die Tiefen des Depots und bemerkte, dass die Aufnahme schon gestartet hatte. Erst als die Detailaufnahmen der Figuren gefilmt wurden, gesellte ich mich dazu. Einige der Figuren kannte ich bereits, doch im Scheinwerferlicht wirkten sie plötzlich ganz anders. 

Momo Ekissi
Momo Ekissi bereitet eine Ganzkörperfigur aus Mali für ihren Auftritt vor © KOLK 17 2021

Ein Marktplatz im Depot

Momo Ekissi reiste aus Freiburg im Breisgau an und war acht Tage lang mit seinem Team bei uns im Depot zu Gast. Er ist nicht nur Dramaturg, Regisseur, Schauspieler und Figurenspieler, sondern auch Erzähler und Instrumentalist – und ein sehr geduldiger Mensch. Er musste seine Projektidee mehrmals umwandeln und seine Reise und Teamzusammenstellung (pandemiebedingt) vielfach umplanen. Doch dank seiner ruhigen Art gelang es ihm, gemeinsam mit Teresa Habla, Stéphane Zamblé und Silke Technau ein Theaterstück zu inszenieren.

Das Treffen der Ahnen
Eine Szene aus „Das Treffen der Ahnen“ © KOLK 17 2021

Auf der Fläche, die wir normalerweise zur Sichtung von Sammlungsobjekten nutzen, wurde innerhalb kurzer Zeit ein Marktplatz als Setting für das Theaterstück aufgebaut. Bei „Das Treffen der Ahnen“ treffen Momo Ekissis Figuren (aus Mali) auf Figuren der Sammlung KOLK 17. Pandemiebedingt konnte das Stück leider nicht öffentlich aufgeführt werden. Es fand lediglich eine interne Aufführung im Depot statt, die aber bald im Rahmen der virtuellen Ausstellung online zu sehen sein wird. 

Zwar waren wir auf keinem Marktplatz an der Elfenbeinküste oder in Mali und das Depot als geschlossener Raum hat nichts mit den ursprünglichen Aufführungsorten der Figuren zu tun. Dennoch ist in den Tagen von Momo Ekissis Besuch etwas passiert, was den Figuren eine völlig neue Ausstrahlung und Präsenz verliehen hat. Durch die Musik und den Gesang fand eine neue Art der Kommunikation statt. 

Für mich wird dieser Teil des Depots von nun an immer ‚der Marktplatz‘ bleiben.

Sammlung KOLK 17
Auspacken einer indischen Schattenfigur © KOLK 17 2021

Unpacking Hanuman

An zwei Tagen arbeitete Irina Demina parallel auf der Probebühne eine Etage höher an ihrer künstlerischen Arbeit weiter. In ihrem Projekt spielen indische Schattenfiguren und deren Bewegungsabläufe eine wichtige Rolle. Vor allem für die Figur des Affenkönigs (Hanuman) interessiert sich die Choreographin und Tänzerin aus Berlin. 

Auch sie musste ihre Arbeit ein wenig anpassen. Denn es stellte sich heraus, dass der Erhaltungszustand der Figur, auf die sie im Sammlungskatalog von 2009 aufmerksam wurde, leider zu fragil war, um mit ihr zu arbeiten. Wir erstellten ihr schnell eine Liste aller anderen potenziellen Hanumanfiguren in der Sammlung, aus denen sich Irina Demina drei heraussuchte.

Irina Demina
Irina Demina erprobt Bewegungsabläufe für ihre Choreografie © KOLK 17 2021

Der Moment, als wir die Figuren gemeinsam aus ihren Kisten hoben, war ein ganz besonderer. Ich selbst hatte vorher zwar schon einige der indischen Schattenfiguren gesichtet, doch diesmal erschienen sie mir viel farbintensiver. Auch Irina Demina erkundete die Figuren von allen Seiten. 

Anschließend brachten wir einige der Figuren in Bewegung. Es war weniger ein Animieren als ein ‚Aktivieren‘, ein Erkunden der verschiedenen Bewegungsabläufe, die Irina Demina einem Motion Capture-Programm erfasste. 

Herkunft unbekannt

Die Choreographin Jessica Nupen bat uns vor ihrem Besuch bloß nichts im Depot zu verändern oder vorzubereiten, da sie den Ort in der ursprünglichen Arbeitsatmosphäre so authentisch wie möglich kennenlernen und einfangen wolle. Auf die Frage, ob sie sich für bestimmte Figuren aus der Sammlung KOLK 17 interessieren würde, antwortete sie: „Sammlungsobjekte afrikanischer und unbekannter Herkunft“.

Jessica Nupen
Jessica Nupen beim Betrachten von Tierfiguren aus Mali © KOLK 17 2021

Ich berichtete ihr also von den knapp 300 Figuren, die im Zuge einer digital-fotografischen Erfassung im Jahre 2010 dem Kontinent „Afrika“ zugeschrieben worden und dass wir bei den wenigsten wissen, ob sie tatsächlich Regionen des afrikanischen Kontinents zugeordnet werden können – und noch weniger, woher sie eigentlich kommen und wann und wie sie in die Sammlung eingegangen sind. 

In gewisser Weise sind die meisten der außereuropäischen Objekte in der Sammlung ‚von unbekannter Herkunft‘, und zwar in vielerlei Hinsicht. Weder sind die Personen, die sie herstellten, bekannt noch die Wege, wie diese Objekte in die Sammlung gekommen sind. Diesen fehlenden Objektgeschichten auf die Spur zu kommen – genau das ist die Idee des Projekts „Who’s Talking?“.

Caroline Nkwe
Caroline Nkwe, Steve Thomas und Jessica Nupen bei den Dreharbeiten © KOLK 17 2021

Ein Kostüm aus Lupo und Seidenpapier

Jessica Nupen schaute sich bei ihrem ersten Besuch im Depot sehr neugierig um. Kurz bevor sie ging, fragte sie mich, ob sie sich von der Luftpolsterfolie etwas mitnehmen könne. „Selbstverständlich!“, antwortete ich, wunderte mich ein wenig und staunte nicht schlecht, als sie bei ihrem zweiten Besuch damit für die Sängerin Caroline Nkwe ein Kostüm anfertigte, mit einer Haarbedeckung aus Seidenpapier. 

Forschen war für mich schon immer eine kreative Tätigkeit. Miterleben zu können, auf welche Art und Weise die eingeladenen Künstler:innen die Spuren in der Sammlung KOLK 17 lesen und erforschen, war jedoch eine völlig neue und sehr bereichernde Erfahrung. 

Ich bin sehr glücklich darüber, diese facettenreichen Projekte – und vor allem die Menschen dahinter –, kennengelernt haben zu können. 

Den Begegnungen der letzten Wochen und Monaten verdanke ich es, den Figuren neu begegnen zu können. 

Mehr aus dem Prozess von „Who’s Talking?“

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